🛡️ Cybermobbing – Was tun?
Dein Kind ist betroffen? Oder du willst es schützen, bevor es passiert? Hier findest du alles: Anzeichen erkennen, sofort handeln, Beweise sichern, melden und echte Hilfe bekommen.
Was ist Cybermobbing?
Definition, Formen und der Unterschied zu normalem Streit
Typische Formen
Beleidigung & Beschimpfung
Beleidigende Nachrichten, Kommentare, Bewertungen – direkt oder in Gruppen.
Bildmissbrauch
Peinliche oder gefälschte Fotos/Videos werden ohne Erlaubnis geteilt, teils manipuliert.
Ausgrenzung
Bewusstes Ignorieren, aus Gruppen ausschließen, öffentliches Bloßstellen vor der Klasse.
Identitätsdiebstahl
Fake-Profile im Namen des Opfers erstellen und damit andere täuschen oder schädigen.
Drohung & Erpressung
Androhung von Gewalt, Erpressung mit kompromittierenden Inhalten (auch: Sextortion).
Gaming-Mobbing
Absichtliches Sabotieren im Spiel, Beschimpfungen per Sprachkanal, Ausschluss aus Gilden.
Anzeichen erkennen
So merkst du, dass dein Kind betroffen sein könnte
Gerät plötzlich weglegen
Stellt das Handy sofort weg, wenn du näher kommst, oder reagiert nervös beim Empfang von Nachrichten.
Verstummen nach Bildschirmzeit
War vorher lebhaft, ist nach dem Handy-Benutzen still, niedergeschlagen oder gereizt.
Soziale Isolation
Will nicht mehr zur Schule, meidet Freunde, zieht sich komplett zurück oder bricht Freundschaften ab.
Schlafprobleme & Albträume
Schläft schlecht, wirkt dauerhaft erschöpft – prüft das Handy auch nachts heimlich.
Körperliche Beschwerden
Häufige Kopf- oder Bauchschmerzen ohne medizinische Ursache, besonders montags oder vor der Schule.
Schulleistungen brechen ein
Noten fallen plötzlich, Kind wirkt unkonzentriert, verliert Interesse an Hobbys, die es liebte.
Weinen ohne erklärbaren Grund
Emotionale Ausbrüche, die das Kind nicht erklären will oder kann.
Accounts löschen oder wechseln
Löscht plötzlich Social-Media-Profile oder legt neue an – ein Zeichen, dass die alte Identität „kontaminiert" ist.
Sofortmaßnahmen
Dein Kind hat dir von Cybermobbing erzählt – was jetzt?
-
Glauben & zuhören
Höre zu, ohne zu unterbrechen. Zweifle nicht. Sag deinem Kind klar: „Ich glaube dir. Das ist nicht deine Schuld. Ich helfe dir." Diese Worte sind gerade wichtiger als jede technische Maßnahme.
Sofort -
Nicht zurückschlagen
Sag deinem Kind, dass es auf Nachrichten nicht antworten, kommentieren oder teilen soll. Jede Reaktion gibt den Tätern das, was sie wollen: Macht und Aufmerksamkeit. Auch du als Elternteil solltest vorerst keinen direkten Kontakt zu den Tätern aufnehmen.
Sofort -
Beweise sichern – BEVOR gelöscht wird
Screenshots von beleidigenden Nachrichten, Kommentaren, Posts und Profilen. Datum und Uhrzeit notieren. Beweise werden später für die Schule oder die Polizei gebraucht. (Mehr dazu im nächsten Abschnitt.)
Sofort – vor allem anderen!
⚠️ Ausnahme: Intime Fotos, Nacktbilder und Deepfakes NIEMALS screenshotten → sofort Polizei (110). -
Täter blockieren
Auf allen Plattformen blockieren, auf denen das Mobbing stattfindet. Privatsphäre-Einstellungen überprüfen und auf „Nur Freunde" setzen. Kommentarfunktion ggf. deaktivieren.
Heute noch -
Auf der Plattform melden
Inhalte über die Melde-Funktion der jeweiligen Plattform als Mobbing/Belästigung melden. Plattformen sind gesetzlich verpflichtet, solche Inhalte zu entfernen (NetzDG). (Anleitung für jede Plattform weiter unten.)
In den nächsten 24h -
Schule informieren
Wende dich an Klassenleitung, schulsozialpädagogische Fachkraft oder eine Vertrauenslehrkraft. Auch wenn das Mobbing „nur" online stattfindet – es geht meist von Mitschülerinnen und Mitschülern aus und hat Auswirkungen im Schulalltag. Schulen haben Handlungspflicht.
Diese Woche -
Polizei einschalten, wenn nötig
Bei Drohungen, Erpressung, Bildmissbrauch (insbesondere: intime Fotos, Deepfakes) oder wenn Täter Erwachsene sind: Anzeige erstatten. Das ist keine Übertreibung – das sind Straftaten (§ 238 StGB Stalking, § 184 StGB, § 241 StGB Bedrohung).
Bei Drohung/Erpressung/Bildern sofort
Beweise sichern – so geht's richtig
Beweise sind der wichtigste Schritt – bevor Inhalte gelöscht werden
🚨 Achtung bei intimen Fotos, Nacktbildern & Deepfakes: KEIN Screenshot!
Das Speichern, Weiterleiten oder Besitzen von intimen Bildern Minderjähriger – auch als Screenshot – kann nach §184b StGB strafbar sein. Das gilt auch für Opfer und Eltern, die „nur Beweise sichern" wollen.
Richtige Vorgehensweise bei intimen Bildern / Deepfakes:
1. Bild nicht screenshotten, nicht weiterleiten, nicht herunterladen
2. Plattform sofort über den Melden-Button melden (URL notieren reicht als Beweis)
3. Polizei anrufen: 110 – die sichern Beweise professionell und legal
4. Inhalt direkt beim Bundeskriminalamt melden: bka.de/meldestelle
📱 Screenshot erstellen
⚠️ Nur bei Nachrichten/Kommentaren – NICHT bei intimen Bildern!
- iPhone: Seitentaste + Lautstärke oben gleichzeitig drücken
- Android: Einschalttaste + Lautstärke runter gleichzeitig
- Ganzen Chat-Verlauf scrollen und Screenshot für Screenshot sichern
- Auch das Profil des Täters screenshotten (Name, Benutzername, Profilbild)
🗂️ Was dokumentieren?
- Beleidigende Nachrichten, Kommentare, Posts ✅
- Fake-Profile im Namen deines Kindes ✅
- Datum, Uhrzeit, Plattform handschriftlich notieren ✅
- Namen / Benutzernamen der beteiligten Personen ✅
- Intime Fotos/Videos/Deepfakes: URL notieren, KEIN Screenshot → Polizei 110
💾 Sicher speichern
- Screenshots in einem eigenen Ordner im Foto-Album ablegen
- Zusätzlich in iCloud / Google Fotos / auf PC sichern
- Originaldateien nie löschen – Kopien für Schule/Polizei anfertigen
- Falls E-Mails: Weiterleitungen als EML-Datei speichern
- Intime Bilder NICHT speichern → sofort Polizei
Auf Plattformen melden – so geht's
Schritt-für-Schritt für jede Plattform
- Auf den Post oder die Nachricht tippen
- Die drei Punkte (⋯) antippen
- „Melden" → „Belästigung oder Mobbing"
- Profil des Täters melden: Profil öffnen → ⋯ → „Melden"
- Anschließend: Profil blockieren
TikTok
- Video gedrückt halten oder auf das Teilen-Symbol tippen
- „Melden" → „Mobbing und Belästigung"
- Kommentar melden: Kommentar gedrückt halten → „Melden"
- Profil blockieren über Profil → ⋯ → „Blockieren"
- Chat öffnen → Kontakt-/Gruppenname antippen
- Bis ganz nach unten scrollen → „Kontakt melden"
- Dann: „Kontakt blockieren"
- Bei Gruppen: Gruppe verlassen, dann melden
Facebook / Messenger
- Post oder Kommentar: Drei Punkte (⋯) antippen
- „Post melden" → Kategorie „Mobbing"
- Profil: Profil aufrufen → ⋯ → „Melden"
- Anschließend blockieren
Discord
- Nachricht mit Rechtsklick (Desktop) oder gedrückt halten (Mobil)
- „Melden" → Typ der Verletzung auswählen
- Nutzerprofil mit Rechtsklick → „Profil anzeigen" → „Melden"
- Server-Admins zusätzlich informieren
YouTube
- Kommentar: Drei Punkte (⋮) → „Melden"
- Video: Drei Punkte → „Melden" → „Belästigung oder Mobbing"
- Kanal melden: Kanalseite → Info → Flagge-Symbol
- Kanal blockieren: Kanal aufrufen → ⋮ → „Blockieren"
Die Schule richtig einbinden
Was Schulen tun müssen – und wie du das Gespräch vorbereitest
📋 Vorbereitung auf das Gespräch
- Ausgedruckte Screenshots mit Datum/Zeit mitbringen
- Namen der beteiligten Schülerinnen notieren
- Zeitraum des Mobbings dokumentieren
- Kind befragen, ob es Zeuginnen gibt
- Kein Vorwurf, sondern klare Fakten vorlegen
👤 Wen ansprechen?
- 1. Stufe: Klassenlehrerin / Vertrauenslehrkraft
- 2. Stufe: Schulsozialpädagogin
- 3. Stufe: Schulleitung
- 4. Stufe: Schulpsychologischer Dienst
- 5. Stufe: Schulbehörde / Schulamt
📝 Was die Schule tun sollte
- Täter-/Opfer-Gespräche mit Eltern einberufen
- Mediation anbieten (ohne Opfer zu zwingen)
- Klassenintervention durch Fachkraft
- Schriftliche Dokumentation des Vorfalls
- Bei Bedarf: Ordnungsmaßnahmen bis Schulverweis
Für Kinder & Jugendliche
Direkt für dich – wenn du betroffen bist oder jemanden kennst
🛡️ Wenn du gemobbt wirst – du bist nicht allein.
Cybermobbing nach Alter
Wie sich das Risiko und die richtigen Reaktionen je nach Alter unterscheiden
📚 6–9 Jahre
- Kaum Social Media, aber: Online-Spiele (Roblox, Minecraft)
- Ausgrenzung in Spiel-Chats, Beschimpfungen per Voice-Chat
- Kind versteht Konsequenzen noch nicht vollständig
- Reaktion: Spiel kurz pausieren, ruhig erklären, zusammen melden
- Eltern steuern Geräte noch stark mit
🎮 10–12 Jahre
- Erste Messenger (WhatsApp), Klassen-Gruppen entstehen
- Häufig: Ausschluss aus Gruppen, peinliche Screenshots innerhalb der Klasse
- Peer-Druck wird stärker – Angst vor sozialem Ausschluss ist groß
- Reaktion: Klassenlehrerin einbeziehen, Klassengruppe-Regeln einfordern
📱 13–15 Jahre
- TikTok, Instagram, BeReal – öffentliche Bloßstellung
- Hochrisikophase: Fake-Profile, Bildmissbrauch, Sexting-Erpressung
- Jugendliche verbergen Mobbing häufig vor Eltern
- Reaktion: Vertrauen aufbauen, ohne zu überwachen. Bei Bildern: sofort Polizei
📲 16–18 Jahre
- Fast alle Plattformen aktiv, auch berufliche Netzwerke
- Mobbing kann Bewerbungen, Praktika, Beziehungen betreffen
- Jugendliche wollen selbst handeln – lass sie, aber biete Unterstützung an
- Reaktion: Beratend begleiten, rechtliche Optionen erklären
Prävention – bevor es passiert
Was du jetzt tun kannst, um dein Kind zu schützen
Offene Gesprächskultur
Rede regelmäßig über digitale Erlebnisse – nicht als Verhör, sondern als echtes Interesse. „Was macht ihr gerade so auf TikTok?" öffnet mehr Türen als „Zeig mal dein Handy."
Privatsphäre-Einstellungen prüfen
Profile auf „Privat" setzen. Wer kann Kommentare schreiben? Wer kann Nachrichten senden? Diese Einstellungen regelmäßig gemeinsam überprüfen – nicht heimlich.
Nie Adresse, Schule oder Routine posten
Kein Standort in Posts, keine Fotos vor der Schule mit sichtbarem Schulnamen, kein „Ich bin jeden Montag um 15 Uhr im Park." Täter nutzen diese Infos.
Digitale Empathie lernen
Erkläre: Was man online schreibt, trifft einen echten Menschen. Kurze Übung: „Würdest du das auch laut vor der Klasse sagen?" – wenn nein, dann nicht posten.
Familienvertrag für Medien
Klare, gemeinsam erarbeitete Regeln schaffen Sicherheit. Kein Senden von peinlichen Fotos anderer. Keine Beitritte zu Gruppen ohne Erlaubnis. Kein Antworten auf Provokationen.
Zuschauen ist auch mitmachen
Wenn das Kind sieht, wie jemand gemobbt wird: Nicht liken, nicht teilen, nicht lachen. Stattdessen dem Opfer privat zeigen, dass man auf seiner Seite ist. Bei Beleidigungen/Kommentaren: Screenshot als Beweis machen. Bei intimen Bildern oder Nacktfotos gilt: KEIN Screenshot – sofort einem Erwachsenen sagen.
Handy-freie Zeiten einhalten
Abends ab 21 Uhr kein Social Media mehr. Mobbing eskaliert oft abends und nachts, wenn Kinder allein sind. Gemeinsame Aufladestation im Wohnzimmer hilft.
Technische Frühwarnsysteme kennen
Neue Tools wie Helmit erkennen per KI gefährliche Chat-Inhalte und alarmieren Eltern, ohne dass diese mitlesen können. Kein Ersatz für Gespräche – und nie heimlich einsetzen. Unsere Einordnung: Schutz-Tools im Check.
Starkes Selbstbewusstsein fördern
Kinder mit stabiler Identität abseits von Likes und Followern sind widerstandsfähiger. Hobbys, Sport, echte Freundschaften – das ist der beste Schutz.
Nach dem Mobbing: Verarbeitung & Nachsorge
Das Mobbing ist gestoppt – aber für dein Kind ist es damit oft nicht vorbei
Zeit lassen, dranbleiben
Gelöschte Posts heißen nicht verheilte Wunden. Frag in den Wochen danach immer wieder beiläufig nach – nicht als Verhör, sondern als Signal: „Ich vergesse das nicht, du bist nicht allein damit."
Normalität wieder aufbauen
Feste Routinen, Hobbys, Sport und Treffen mit echten Freunden geben Halt. Das Kind soll erleben: Mein Leben ist größer als das, was online passiert ist.
Keine Schuldgefühle stehen lassen
Viele Kinder glauben, sie hätten das Mobbing „provoziert" oder hätten früher etwas sagen müssen. Sprich es aktiv aus: „Schuld hat, wer mobbt. Niemals du."
Kein dauerhafter Geräteentzug
Das Handy wegzunehmen fühlt sich für das Kind wie eine zweite Strafe an – und isoliert es von seinen Freunden. Besser: gemeinsam neue, sichere Einstellungen aufsetzen und langsam zurückkehren.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Anhaltender Rückzug, Schlafstörungen, Schulverweigerung, Selbstverletzung oder Äußerungen wie „Ich will nicht mehr": Dann gehört das Thema in fachliche Hände – Kinderarzt, Schulpsychologie oder Kinder- und Jugendpsychotherapie.
So kommst du an einen Therapieplatz
Der Weg führt über die psychotherapeutische Sprechstunde – Termin über die Terminservicestelle 116 117 (kostenlos, ohne Überweisung). Die Kosten trägt die Krankenkasse. Bei Wartezeit: Schulpsychologischer Dienst überbrückt.
Auch an dich selbst denken
Cybermobbing gegen das eigene Kind erschüttert auch Eltern – Wut, Ohnmacht und Selbstvorwürfe sind normal. Das Elterntelefon (0800 111 0 550) ist auch für genau diese Gespräche da.
Den Abschluss markieren
Wenn das Kind so weit ist: gemeinsam bewusst einen Schlusspunkt setzen – Beweisordner archivieren, neue Accounts sauber aufsetzen, vielleicht ein kleines Ritual. Das gibt das Gefühl: Kapitel beendet.
Hilfe & Notfallkontakte
Kostenlose, professionelle Unterstützung in Deutschland
🆘 Direkthilfe – kostenlos & anonym
Nummer gegen Kummer (Kinder)
Für Kinder und Jugendliche · Mo–Sa 14–20 Uhr · Kostenlos · Anonym
Beratung & Information
🌐 klicksafe.de
EU-Initiative für Medienkompetenz. Kostenlose Materialien für Eltern, Lehrkräfte und Kinder. Spezielle Cybermobbing-Ratgeber zum Download.
🛡️ juuuport.de
Online-Beratung von Jugendlichen für Jugendliche. Kostenlos, anonym, auf Augenhöhe. Auch per Chat erreichbar.
🏛️ Schulpsychologischer Dienst
Jedes Bundesland hat einen kostenfreien schulpsychologischen Dienst. Anfrage über die Schulleitung oder direkt beim Schulamt des Landkreises.
⚖️ Verbraucherzentrale
Rechtliche Erstberatung bei Bildmissbrauch oder Fake-Profilen. Kann bei der Formulierung von Unterlassungsschreiben helfen.
🔍 Beschwerdestelle NetzDG
Wenn Plattformen gemeldete Inhalte nicht löschen: Beschwerde beim Bundesnetzwerk Medienkompetenz oder der Bundesnetzagentur einlegen.
💬 Online-Beratung Diakonie / Caritas
Kostenlose Online-Beratung für Familien, Kinder und Jugendliche – auch bei digitalen Krisen und Cybermobbing. Anonym und ohne Anmeldung.
Du bist nicht allein.
Cybermobbing ist real, es schmerzt – und es gibt Wege heraus.
Hol dir Hilfe. Jetzt.
Kinder & Jugendliche
Mo–Sa · 14–20 Uhr · kostenlos
Eltern
Mo–Fr · 9–17 Uhr · kostenlos
Online-Chat Jugendliche
Anonym · von Jugendlichen für Jugendliche